The Last Guardian – ein gebrochenes Herz

Ich dachte nie, dass mir es einmal passieren würde. Ihr kennt das vielleicht, habt es möglicherweise schon selber erlebt. Das Gefühl einer unerfüllten Liebe, wenn eine Seite mehr gibt und du dich verzweifelt an die wenigen, schönen Momente klammerst, die es in dieser unglücklichen Liebe gab. Das ist The Last Guardian für mich: Eine Liebe, die seit der ersten Begegnung immer weiter gewachsen ist. Als ich das Spiel zum ersten Mal bei seiner Ankündigung auf der E3 2009 gesehen habe, wusste ich, dass ich diesen Titel kaufen werde. „Es wird mir gefallen“. So dachte ich damals. Die Optik und nicht zuletzt die Tatsache, dass es von Team ICO (ICO, Shadow of the Colossus) entwickelt wurde, hatten mich total überzeugt. Damals konnte man ja nicht ahnen, dass es erst am 7. Dezember 2016 veröffentlicht wird. Doch das war mir egal, ich wollte das Spiel unbedingt spielen. Ich bin total unbelastet reingegangen, hatte mir keine Previews durchgelesen und auch sonst keine Meinungen eingeholt. Ich wollte mir das Spiel nicht kaputtreden lassen. Ich war genau so wie die Frauen, die den Freunden nicht zuhören wollen, wenn sie einem sagen „lass die Finger von dem, der ist nicht gut für dich.“ Und so bin ich in dieses Abenteuer hinabgestiegen und musste mit so vielen Emotionen kämpfen. Man spielt in der Rolle eines namenlosen Jungen, der in einer fremden Umgebung aufwacht und wieder nach Hause will. Dabei hilft ihm ein mysteriöses Tier namens Trico. Zusammen müssen sie sich durch ein Labyrinth von alten Ruinen rätseln und kämpfen. Ein perfektes Duo, das hätte es sein können, aber dem Spiel hat diese lange Entwicklungszeit nicht gut getan. Denn obwohl Trico erstaunlich gut mit den Gegebenheiten der Umgebung zurechtkommt, der kleine Junge tut es nicht. Die Steuerung ist an manchen Stellen eine Katastrophe und auch die Kameraführung hat mich des Öfteren in die Irre geführt. Man hüpft durch grafisch imposante, aber von den Aufgaben her monoton aufgebaute Level und das mit einem Protagonisten, der so behäbig und tölpern manchmal durch die Gegend stolpert, dass ich das Pad manchmal entfernt einfach weggelegt habe.

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Das ich es dennoch wieder aufgehoben habe liegt wiederum daran, dass ich mehr über die Geschichte wissen wollte. Denn wie man es von den Entwicklern kennt, steckt auch in The Last Guardian eine feine und emotionale Geschichte, dessen Schönheit in einzelnen, aber viel zu spärlich gesäten Zwischensequenzen aufblitzt. Ein Spiel wie The Last Guardian muss den Spieler emotional packen und das tut es leider viel zu selten. Denn nicht alle sind so vernarrt wie ich und verharren der wenigen schönen Momente. Ich kann technische Defizite verzeihen, es ist nicht das erste Spiel, durch das ich mich quäle, nur um der Geschichte willen. Doch bei The Last Guardian wurde meine Geduld auf die Probe gestellt. Viel zu spät, ungefähr eine Stunde vor Spielende, schafft es der Titel seine ganze Pracht zu zeigen. Die Bindung zwischen Trico und seinem kleinen Freund kommt durch die Steuerung und die mühsamen Kletterpartien kaum zum Tragen. Dabei ist diese Beziehung der Mittelpunkt des Spiels und zeugt am Ende von so viel Kraft, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.

Vorsicht Spoiler

Wenn Trico am Ende entkräftet alles dafür tut, um seinen Freund wieder nach Hause zubringen und es eigentlich kein Happy End geben kann, zeigt The Last Guardian, wie mächtig die Beziehung der Protagonisten eigentlich ist und wie wenig sie über die ersten Spielstunden überhaupt zum Tragen kam. Am Ende wurde ich dafür umso stärker von den Emotionen weggespült, denn obwohl die Entwickler mir die Trauer erspart haben und Trico nicht vor meinen Augen ermorden lassen, so ist die Szene am Abspann fast sogar noch schlimmer, denn sie war so tröstlich tragisch, dass ich weinen musste. Zum Teil aus Rührung, aber auch aus Wehmut, da die Schwächen des Spiels zu schwerwiegend waren. So körperlich geschunden wie Trico im Spiel, war ich am Ende emotional. Es hätte ein fantastisches Spielerlebnis sein können, wenn die Steuerung nicht gewesen wären. Denn Trico und seine Geschichte haben so viel Potenzial, das sich leider erst zum Ende richtig, dafür aber mit voller Wucht zeigt. Als Spieler ist man darauf fast nicht vorbereitet. Und so bleibt am Ende, wie bei jeder unglücklichen Liebe, ein gebrochenes Herz, das sich am Ende nur an die schönen Momente erinnert, denn davon gab es einige…

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The Order: 1886 – Missverständnisse und ein Penis

Ich habe absolut nichts erwartet. Dementsprechend konnte mich The Order: 1886 auch nicht enttäuschen. Es hat mich anfangs tatsächlich sogar nicht wirklich interessiert. Als ich es dann für die Arbeit gespielt habe, war es eine interessante Erfahrung und um ehrlich zu sein, so ganz kann ich die herbe Kritik mancher Magazine nicht nachvollziehen. „The Order: 1886 – Missverständnisse und ein Penis“ weiterlesen