Raus aus der Wohlfühlzone

Ich wollte diesen Text bereits vor einer Woche schreiben. Noch bevor der Amoklauf in München stattgefunden hatte. Zwar mit einem anderen Aufhänger, aber im Grunde ist es jetzt doch der traurige Höhepunkt, auf dem mein Text aufbaut, allerdings soll sich mein Text nicht darum drehen, sondern eher um eine Beobachtung, die ich als erwähnenswert empfand. Ich und viele anderen Kollegen hätten vermutlich nicht gedacht, dass wir wieder über „Killerspiele“ diskutieren müssen. Dabei musste ich mich in der letzten Zeit des Öfteren fragen: Gehe ich mit dem Thema „Videospiele“ vielleicht zu selbstverständlich um? „Desensibilisiere“ ich mich für die Mitmenschen, die mit diesem Thema überhaupt nichts anfangen können?

Videospiele, die ich als Unterhaltung empfinde, sind für einige Leute „Zeitverschwendung“, „Verdummung“ und machen ihnen sogar manchmal Angst. In gewisser Hinsicht kann ich das verstehen. Manche Spiele sind ja auch behämmert und würde ich mich nicht damit beschäftigen, würde mir manches auch suspekt vorkommen. Ich stehe aber manchmal auf Partys und höre den Leuten zu, wie sie sich über „Germanys Next Top Model“ unterhalten oder wie toll die letzte „Bauer sucht Frau“-Folge war. Und ja, ich kenne diese Formate auch und weiß, dass sie mir nicht gefallen, aber jeder, wie er mag. Mir ist das wirklich egal. Wenn die Leute mich dann allerdings fragen, was ich beruflich mache, wird es verrückt. Ich bin Journalistin. Interessierte Blicke wenden sich dann oftmals zu mir. Ich schreibe über Videospiele. Die Blicke wechseln von einem Moment zum Anderen in eine Art Missverständnis. Früher folgte danach eine Art Rechtfertigung von mir. Heute verfalle ich eher in Aufklärungsarbeit. Ich versuche den Leuten die Branche an anderen Beispielen zu erklären. Wirklich verinnerlichen können es die Wenigsten, denn nach wie vor sind Videospiele in der Gesellschaft einfach nicht angekommen. Zwar hat man die Schranken der vergangenen Zeit abgebaut, aber es ist noch nicht so weit, wie ich bisher angenommen hatte.

Ich glaube, ich bin lange Zeit einer Art Trugschluss aufgesessen, der immer dann zutage kommt, wenn ich mich nicht im gewohnten Umfeld bewege. Ich arbeite in der Games-Branche als Journalistin und mein Freundeskreis hat ebenfalls zu 90 Prozent mit dem Thema zu tun. Arbeitet selber vielleicht in der Branche oder spielt zumindest Videospiele, hat also dauerhaften Kontakt mit dem Medium. Daher falle ich immer wieder aus den Wolken und fühle mich manchmal wie ein Fremdkörper, wenn ich über für mich alltägliche Dinge rede, mit denen manche Bekannte oder Fremde überhaupt nichts anfangen können. Sie sind im besten Fall daran interessiert, aber dann merke ich, dass wir eigentlich noch nicht wirklich weit gekommen sind und wir mit dem Thema eigentlich fast noch am Anfang stehen.

Wir, damit meine ich die Videospiel-Medien. Wir haben uns vielleicht zu lange von der trügerischen Akzeptanz blenden lassen. Wir berichten immer in unserem Kosmos und kommen empört hervor, wenn die „anderen“ über die Szene „böse Sachen“ sagen. Dabei hatten wir es lange Zeit selber in der Hand dies zu ändern. Beispielsweise im TV. Doch mit der Zeit wurden diese Formate wieder verdrängt: Game One, Pixelmacher oder Reload – Formate, die zumindest eine Stimme in der Öffentlichkeit bei den konservativeren Kanälen hatten. Diese und andere Formate gibt es mittlerweile nicht mehr oder sie haben dem TV den Rücken gekehrt. Twitch und YouTube sind die Kanäle, auf denen diese Formate nun laufen.

Und schon wieder begeben wir uns zurück in unsere Wohlfühlzonen, wo wir zwar genau die passende Zielgruppe erreichen, aber auch nicht mehr. Vielleicht müssen wir unsere Verantwortung sorgfältiger prüfen und uns sensibilisieren. Nicht, um die Branche zu verteidigen, sondern um Aufklärung zu schaffen und das dauerhaft. Denn das gehört genauso zu unserem Job wie das Verfassen von Reviews. Es wird dann zwar immer noch Menschen aus anderen Bereichen geben, die mit dem Wort „Killerspiel“ die Einschaltquoten nach oben treiben wollen, aber vielleicht funktioniert es dann irgendwann wirklich nicht mehr.