The Order: 1886 – Missverständnisse und ein Penis

Ich habe absolut nichts erwartet. Dementsprechend konnte mich The Order: 1886 auch nicht enttäuschen. Es hat mich anfangs tatsächlich sogar nicht wirklich interessiert. Als ich es dann für die Arbeit gespielt habe, war es eine interessante Erfahrung und um ehrlich zu sein, so ganz kann ich die herbe Kritik mancher Magazine nicht nachvollziehen. Optisch ist The Order: 1886 (dank der RAD Engine 4.0) ein grandioses Spiel. Ich habe auf der Konsole bisher nichts Besseres gesehen. Mimik, Bewegungen und die Interaktionen mit der Umgebung sind richtig gut umgesetzt. Man sieht, dass sich die Entwickler wirklich Gedanken gemacht und auch auf Details geachtet haben. Hinzu kommt noch das Steampunk-Setting im viktorianischen London, dass sehr atmosphärisch umgesetzt ist. Spielerisch scheiden sich jedoch die Geister. The Order: 1886 ist zu 70 Prozent als interaktiver Film zu sehen, dem zu 30 Prozent noch Shooter- sowie Stealth-Elemente und kleine Puzzel hinzugefügt wurden. Quick Time Events und Zwischensequenzen bestimmen den Spielaufbau der Ready at Dawn-Produktion. Und ich muss auch sagen, dass mich diese prozentuale Aufteilung anfangs eher aus dem Spiel gebracht hat, als wirklich gefesselt. Der Einstieg war für mich schwer, da mir auch das Pacing nicht so recht gefallen hat. Die ständigen Unterbrechungen durch die Zwischensequenzen reißen einen zuweilen aus dem Rhythmus. Aber kann man das dem Spiel überhaupt vorwerfen? Zwischensequenzen und Quick Time Events sind nichts Neues. Ein Walking Dead von Telltale macht im Grunde nichts anderes – es mischt Adventure-Elemente mit Cut Scenes und Quick Time Events. Heavy Rain folgt einer ähnlichen Spielmechanik. Aber in diesem Umfang hat es meiner Meinung nach bisher noch kein Spiel zelebriert. Bei The Order: 1886 hatten manche Spieler vermutlich nur etwas anderes erwartet. Der Aufbau ist anfangs zwar nicht optimal gelöst, aber schaut man sich die Inszenierung und die Machart genauer an, so kann man sagen, dass sich die Entwickler dabei etwas gedacht haben.

the-order-1886

Die angesprochene Liebe zum Detail erstreckt sich auch auf die guten Synchronsprecher. Die Regie hat an dieser Stelle wirklich gute Arbeit geleistet und auch die jeweiligen Situationen den Sprechern gut vermitteln können. The Order: 1886 gibt spielerisch bestimmt Streitpunkte, denn wer Quick Time Events hasst, wird hier ebenfalls keine Freude haben. Der Einstieg wird dadurch natürlich nicht einfacher, denn auch die Story baut sich nur sehr langsam auf und in den ersten Kapiteln läuft man nur seine Aufträge ab. Aber ich finde es lobenswert, dass sich Entwickler das auch mal trauen. Wer noch den Anfang von BioShock: Infinite im Kopf hat, der wird sich auch daran erinnern, wie langsam der Einstieg hier war. Mich stören solche Sachen nicht. Manchmal brauchen Spiele eben diese Ruhe. Den Einstieg, der auf die Spannung hinarbeitet und die Stimmung aufbaut. Bei The Order bleibt nur das Storytelling etwas auf der Strecke.

Die Geschichte ist in manchen Teilen zwar vorhersehbar, hält die großen Geheimnisse aber im Dunkeln verborgen. Leider sind die Charaktere aber allesamt etwas blass und wirken so, als würden sie nur darauf warten, endlich von den Storyschreibern von der Kette gelassen zu werden. Und genau das habe ich auch erwartet. Aber dann kam es ganz anders…

Achtung, kleine Spoiler:

Genau in dem Moment, als ich dachte „Super, endlich kommt die Geschichte in Fahrt und ich habe Bock auf das nächste Kapitel, ist Schluss. Ende. Aus. WAS?! Die Geschichte, die in den ersten drei Stunden nur so vor sich hinplätscherte, bekommt endlich etwas Farbe und nun ist es einfach so vorbei? The Order: 1886 verlässt sich so dermaßen auf einen zweiten Teil, dass man am Ende nur noch fragend vor dem Abspann sitzt. Im besten Fall macht man das so wie ich: Mit skeptischer Spannung, weil einen die letzten zwei Stunden doch noch gepackt haben. Allen anderen kann ich sagen, ich weiß, warum ihr enttäuscht seid. Denn eines muss euch, die dieses Spiel vielleicht noch kaufen wollen, klar sein: The Order: 1886 klärt am Ende so gut wie nichts wirklich auf und bringt sein Storytelling auch nicht zum Abschluss.  Es wirft eher mehr Fragen auf und ist der Anfang für eine Fortsetzung, die es hoffentlich geben wird. Irgendwie hat es das Spiel meiner Meinung nach verdient, weitererzählt zu werden. Die Entwickler haben es dem Spieler nur ziemlich ungeschickt beigebracht. Selbst Mass Effect hatte einen Abschluss – zumindest hätte der erste Teil auch ohne Fortsetzung leben können, wenn es keine weiter Finanzierung gegeben hätte. Von The Order: 1886 kann man dies nicht behaupten.

Womit ich auch zum nächsten Kritikpunkt springe. Dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Die „Spielzeit“ wird dominiert von Zwischensequenzen. Das zieht die Spielzeit ohne das ich wirklich eingreifen kann. In einem Kapitel laufe ich z.B. ca. zehn Minuten in der Gegend rum, absolviere zwei bis drei Quicktime Events und das war es mit dem Kapitel. Am Ende kommt man auf eine Spielzeit von ca. sechs bis acht Stunden. Davon sind über die Hälfte Zwischensequenzen. Jetzt stellt man sich die Frage, will ich dafür rund 70 Euro zahlen und was ist mir die Präsentation und der Spielspaß wert? Ich spiele aktiv weniger, bekomme dafür aber eine tolle technische Umsetzung. Im besten Fall gefällt mir die Story auch noch, aber das kann man nie wirklich im Vorfeld wissen. Zum Vergleich: Eine Telltale-Episode The Walking Dead kostet 4,99 Euro und ist ca. zwei Stunden lang. Bei fünf Episoden kommt man so auf ungefähr zehn Stunden Spielzeit bei einer kompletten Staffel und hat am Ende rund 25 Euro dafür bezahlt. Auf technischer Ebene kein Vergleich, denn die Produktion von The Order: 1886 war – auch ohne das ich genaue Zahlen kenne – teurer.

Stimmungsvoll ist The Order: 1886 aber auf jeden Fall und es hat sogar noch mehr: einen Penis. In einer Szene, die eigentlich kaum wirklich beachtlich gewesen wäre, taucht er auf einmal auf: Ein nackter Mann in seiner ganzen Pracht und ohne heuchlerische Scham. Es ist fast schon lächerlich, aber diese Szene zeigt wieder einmal, wie „unreif“ Videospiele in dieser Hinsicht immer noch sind. In diesem Moment war ich wirklich beeindruckt von den Machern, denn selten habe ich ein Spiel erlebt, dass so selbstbewusst und ohne große Show so etwas zeigt – einfach, weil es dazugehört. Respekt!

Ich würde mir wünschen, dass The Order: 1886 noch einen zweiten Versuch bekommt und zeigt, dass es sich inhaltlich noch weiterentwickeln kann. Der schwere Einstieg und die kurze Spielzeit lassen sich nicht wegdiskutieren. Das Gameplay ist kein taktischer Leckerbissen, liefert aber solide Shooter-Action und einige coole Waffen. Letzten Endes kann ich mich eigentlich den Worten von  Ready at Dawn-Gründer Ru Weerasuriya anschließen:

„I’ve played games that lasted two hours that were better than games that I played for 16 hours. That’s the reality of it. Gameplay length for me is so relative to quality. It’s just like a movie. Just because a movie is three hours long, it doesn’t make it better.“

Für mich ist eine gute Story auch sehr wichtig. Der Wert einer guten Inszenierung ist bei Videospielen für viele Spieler jedoch noch lange nicht mit dem eines Films gleichzusetzen. The Order: 1886 ist aber nun mal ein Videospiel. Irgendwie scheint es in dieses Label aber nicht so ganz zu passen. Vielleicht gefällt es sich auch nicht wirklich in der Rolle. Wenn das Spiel eine zweite Chance bekommt, muss es sich möglicherweise ein eigenes Label zulegen und den Käufer von Anfang an besser ins Boot holen. Mich hat das Spiel zumindest schon mal so weit gebracht, dass aus anfänglicher Gleichgültigkeit gespannte Erwartung hervorgeht.

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